Neurorehabilitation bei Kindern und Jugendlichen

Ihr Kind befindet sich aufgrund einer Schädigung des Nervensystems – also des Gehirns und/oder Rückenmarks – im Spital. Solche Schädigungen können verschiedene Ursachen haben, zum Beispiel eine Kopfverletzung nach einem Unfall, eine Durchblutungsstörung des Gehirns bei einem Hirnschlag, eine Hirnhaut- oder Gehirnentzündung oder einen Tumor im Gehirn oder Rückenmark.

Wir wissen, dass diese Situation für Sie und Ihre Familie sehr belastend ist und viele Sorgen mit sich bringt. Gleichzeitig ist jede Rehabilitation so individuell wie das Kind selbst. Deshalb lässt sich zu Beginn oft noch nicht genau sagen, wie lange der Aufenthalt dauern wird.

Unser Ziel ist es, Sie und Ihr Kind in dieser herausfordernden Zeit umfassend zu begleiten, bestmöglich zu unterstützen und gemeinsam die nächsten Schritte zu planen. Als interdisziplinäres Team der Neurorehabilitation arbeiten wir eng zusammen, damit Ihr Kind die Betreuung erhält, die es braucht.

Da in dieser Zeit viele Informationen auf Sie zukommen, finden Sie auf dieser Webseite die wichtigsten Informationen rund um die Neurorehabilitation übersichtlich zusammengefasst.

Was ist Neurorehabilitation?

Die Neurorehabilitation befasst sich mit den Folgeproblemen der durch Krankheit oder Verletzung des Nervensystems betroffenen Menschen. Ziel der Neurorehabilitation ist das bestmögliche Wiedererlangen beeinträchtigter körperlicher, geistiger, kommunikativer und emotionaler Funktionen Ihres Kindes sowie seine familiäre, schulische und soziale Integration.

Unser Konzept

Interdisziplinäre Zusammenarbeit 
Die Neurorehabilitation erfolgt in enger Zusammenarbeit verschiedener spezialisierter Berufsgruppen aus den Bereichen:

  • Medizin
  • Pflege
  • Therapien
  • Pädagogik
  • Psychologie
  • weitere unterstützende Dienste

Alle beteiligten Fachpersonen besprechen den Rehabilitationsverlauf Ihres Kindes wöchentlich und legen gemeinsam die nächsten Ziele fest.

Behandlungsformen
Je nach Situation erfolgt die Betreuung stationär (mit Aufenthalt im Spital), teilstationär (tagsüber Therapie, Übernachtung zu Hause) oder ambulant.

Falls notwendig, empfehlen wir eine Weiterbehandlung in einer spezialisierten Rehabilitationseinrichtung.

Wochenplan

Gerade in der frühen Phase nach einer Hirnschädigung kann der Tag-Nacht-Rhythmus Ihres Kindes verändert sein. Ein strukturierter Tagesablauf hilft, Orientierung zu geben und Schritt für Schritt in den Alltag zurückzufinden. Das Rehabilitationsteam erstellt wöchentlich einen individuellen Wochenplan. Sie erhalten diesen jeweils am Freitagnachmittag für die folgende Woche. 

Der Plan enthält bewusst eingeplante Ruhezeiten. Diese Erholungsphasen sind wichtig für die Genesung. 
Wir bitten Sie, diese im Interesse Ihres Kindes einzuhalten.

Wie Sie Ihr Kind unterstützen können

Ihre Nähe ist für Ihr Kind sehr wichtig. Seien Sie präsent und geben Sie Sicherheit. Nehmen Sie Ihr Kind in die Arme und lassen Sie es spüren, dass Sie da sind. Sprechen Sie mit Ihrem Kind – auch wenn es nicht reagiert. Erklären Sie, wo es ist und was gerade passiert. Bringen Sie vertraute Gegenstände von zu Hause mit (Fotos, Musik, Spielzeug)

Ihr Kind kann während der Rehabilitationsphase teilweise Reize und Vorgänge aus der Umwelt nur beschränkt aufnehmen und verarbeiten. 
Damit keine Überforderung Ihres Kindes entsteht, ist es wichtig, dass Sie immer nur eine Handlung zur selben Zeit durchführen. Achten Sie bei Gesprächen (auch bei Telefongesprächen) in Anwesenheit Ihres Kindes darauf, dass diese Ihr Kind nicht zusätzlich belasten.

Austrittsplanung

Der Zeitpunkt des Austritts wird gemeinsam mit Ihnen, dem Ärzteteam und dem Rehabilitationsteam festgelegt.

Vor dem Austritt besprechen wir mit Ihnen:

  • notwendige Therapien nach dem Spitalaufenthalt
  • geplante Nachkontrollen
  • Rückkehr in Schule und Sport
  • klären offene Fragen

Betreuung

Ärzteteam

Unsere Ärztinnen und Ärzte sind verantwortlich für Diagnostik, Behandlung und medizinische Betreuung. Sie führen Visiten durch und erstellen den Austrittsbericht in Zusammenarbeit mit allen beteiligten Fachpersonen.

Pflegefachteam

Ihr Kind wird von spezialisierten Pflegefachpersonen unseres Teams betreut und behandelt. Sie koordinieren gemeinsam mit Ihnen den Tagesablauf und die Pflege Ihres Kindes und besprechen, wo Ihre Unterstützung möglich und sinnvoll ist. Dabei überwachen sie kontinuierlich wichtige Werte wie Puls, Temperatur, Blutdruck, Atmung und Schmerzen.

Die Pflegefachpersonen beobachten und dokumentieren die Entwicklung Ihres Kindes aufmerksam und fördern es gezielt im Alltag. Sie begleiten Ihr Kind bei Arztvisiten, Untersuchungen und Therapien, stehen ihm unterstützend zur Seite und sind auch bei wichtigen Gesprächen anwesend.

Bezugspersonenpflege
Wir legen grossen Wert auf eine möglichst kontinuierliche Betreuung und teilen Ihrem Kind ein kleines Team von zwei bis drei festen Bezugspersonen zu. In den ersten Tagen lernen diese Ihr Kind und Ihre Familie kennen, um Gewohnheiten, Bedürfnisse und Ressourcen besser zu verstehen.

Die Bezugsperson übernimmt die zentrale Koordination der Pflege, erfasst den individuellen Bedarf Ihres Kindes und plant gemeinsam mit Ihnen die nächsten Schritte. In regelmässigen Gesprächen informiert sie Sie über den Verlauf und steht Ihnen als feste Ansprechperson zur Seite.

Informationen zum Spitalalltag

Besuchsregelung

Als Eltern haben Sie jederzeit die Möglichkeit, bei Ihrem Kind zu sein. Auch Geschwister sind herzlich willkommen.

Je nach Alter und Gesundheitszustand Ihres Kindes kann es jedoch sinnvoll sein, die Besuchszeiten zu begrenzen, damit ausreichend Ruhe möglich ist. Die Regelung für weitere Besucher besprechen wir individuell mit Ihnen.

Mediennutzung

Der Einsatz von Fernsehen, Video oder Musik erfolgt nur nach Rücksprache mit dem Pflegefachteam.

Matratzenlager

In bestimmten Phasen kann es sein, dass Ihr Kind unruhig ist und dadurch gefährdet ist, sich zu verletzen oder aus dem Bett zu fallen. 
In solchen Situationen richten wir bei Bedarf ein sogenanntes Matratzenlager (Bodenlager) ein.

Dabei wird Ihr Kind sicher auf mehreren Matratzen am Boden betreut, die Umgebung wird zusätzlich gepolstert. Pflege, Betreuung und Therapien finden in dieser geschützten Umgebung statt. Gleichzeitig bleibt ausreichend Platz, damit Sie Ihrem Kind nahe sein können.

Sozialpädagogische Betreuung

Die Sozialpädagogik ist eine pädagogisch-therapeutische Unterstützung, die Ihr Kind dabei begleitet, im Alltag möglichst selbstständig zu werden und seine sozialen Fähigkeiten weiterzuentwickeln. Gleichzeitig ist die Sozialpädagogik an der Koordination der Rehabilitationsplanung beteiligt.

Im Alltag bedeutet das, dass Ihr Kind bei verschiedenen Aktivitäten begleitet wird – etwa beim Spielen, bei kreativen oder sportlichen Tätigkeiten sowie bei Spaziergängen oder kleinen Ausflügen. Auch beim Essen, bei schulischen (Haus-) Aufgaben oder beim Wiedereinstieg in den Unterricht erhält Ihr Kind gezielte Unterstützung.

Therapieangebot

Ergotherapie

Die Ergotherapie ist eine medizinisch-therapeutische Behandlung, die Ihr Kind dabei unterstützt, seine Handlungsfähigkeit wiederzuerlangen und im Alltag möglichst selbstständig zu werden. Ziel ist es, dass Ihr Kind wichtige Aktivitäten in den Bereichen Selbstversorgung, Schule und Freizeit wieder aufnehmen kann.

Im Mittelpunkt der Therapie steht der Aufbau grundlegender Fähigkeiten. Dazu gehört das gezielte Wahrnehmen und Verarbeiten von Sinnesreizen wie Sehen, Hören oder Fühlen ebenso wie das Wiedererlernen von Bewegungs- und Handlungsabläufen im Alltag, beispielsweise beim Ankleiden, Essen oder bei der Körperpflege. Auch Feinmotorik und Koordination werden gezielt gefördert.

Darüber hinaus arbeiten wir mit Ihrem Kind an kognitiven Fähigkeiten wie Aufmerksamkeit, Gedächtnis, Orientierung, Planung und Organisation. Bei Bedarf passen wir zudem geeignete Hilfsmittel an, um Ihr Kind im Alltag bestmöglich zu unterstützen.

Therapiehund
Der Therapiehund wird je nach Situation als Besuchshund oder gezielt im Rahmen einer Therapie eingesetzt. Dies geschieht unter fachlicher Begleitung durch Mitarbeitende aus dem medizinischen, pädagogischen oder sozialen Bereich.

Der Kontakt mit dem Hund kann Ihr Kind auf besondere Weise ansprechen und dabei helfen, verschiedene Fähigkeiten zu fördern – zum Beispiel im Bereich Bewegung, Wahrnehmung, Motivation oder im sozialen Umgang.

Ziimzalaziim – Zaubern als therapeutisches Mittel
Einmal pro Woche findet eine besondere Gruppenstunde statt, die von unserer Ergo- und/oder Physiotherapie geleitet wird. Dabei hat Ihr Kind gemeinsam mit anderen Kindern die Möglichkeit, spielerisch in die Welt der Zauberei einzutauchen.

Durch das Erlernen kleiner «Zaubertricks» werden gezielt Fähigkeiten gefördert – darunter komplexe Bewegungsabläufe, Kraftdosierung und Handgeschicklichkeit. Gleichzeitig stärken die Übungen Fantasie, Kreativität und Konzentration. Nicht zuletzt kann das Erfolgserlebnis auch das Selbstvertrauen und die Motivation Ihres Kindes positiv beeinflussen.


Physiotherapie

Die Physiotherapie ist eine medizinisch-therapeutische Behandlung, die Ihr Kind dabei unterstützt, seine Mobilität schrittweise zurückzugewinnen und sich wieder möglichst selbstständig im Alltag zu bewegen.

In der frühen Phase der Rehabilitation stehen oft sanfte, unterstützende Massnahmen im Vordergrund, wie sensomotorische Stimulation, passives Durchbewegen oder Umlagerungen. Sobald es der Gesundheitszustand Ihres Kindes erlaubt, fördern wir die aktive Bewegung. Dabei begleiten wir Ihr Kind gezielt, erweitern Bewegungsabläufe und arbeiten daran, die Qualität der Bewegungen zu verbessern.

Je nach Alter und Entwicklungsstand bieten wir ein angepasstes Training für Koordination, Kraft und Ausdauer an. Gleichzeitig unterstützen wir Ihr Kind dabei, alltägliche Aktivitäten wieder selbstständig auszuführen.

Ergänzend umfasst die Physiotherapie weitere spezialisierte Ansätze wie Atemtherapie, sensomotorische Förderung, Unterstützung beim Essen, Wassertherapie oder den Einsatz und die Anpassung von Hilfsmitteln – immer abgestimmt auf die individuellen Bedürfnisse Ihres Kindes.

Logopädie

Die Logopädie ist eine medizinisch-therapeutische Behandlung, die Ihr Kind bei der Nahrungsaufnahme und in der Kommunikation unterstützt.

Gerade zu Beginn kann es sein, dass Ihr Kind Schwierigkeiten beim Schlucken, Essen oder Trinken hat oder vorübergehend über eine Sonde ernährt wird. In dieser Phase begleiten wir Ihr Kind beim schrittweisen Wiedererlernen dieser Fähigkeiten.

Nach dem Aufwachen kann es zudem vorkommen, dass Ihr Kind zwar vieles versteht, aber noch nicht sprechen kann. Gemeinsam mit allen Beteiligten suchen wir nach ersten Möglichkeiten der Verständigung und bauen diese gezielt auf.

Wenn sich Hinweise auf Schwierigkeiten im Sprachverständnis oder im Sprechen zeigen, führen wir – sobald Ihr Kind wach und stabil genug ist – eine logopädische Abklärung durch. Dabei beurteilen wir das Sprachverständnis, die Sprachproduktion sowie die sozial-kommunikativen Fähigkeiten und, bei älteren Kindern, auch die Schriftsprache.

Bei entsprechenden Auffälligkeiten oder bei Bewegungsstörungen im Mund- und Gesichtsbereich arbeiten wir intensiv und individuell mit Ihrem Kind, um die Kommunikation und die Nahrungsaufnahme bestmöglich zu fördern.

 

Neuropsychologie

Die Neuropsychologie befasst sich mit der Untersuchung und Behandlung von kognitiven, emotionalen und sozialen Fähigkeiten, die infolge einer Hirnschädigung beeinträchtigt sein können. Dazu gehören beispielsweise Aufmerksamkeit, Gedächtnis, Wahrnehmung, Handlungsplanung und das Sozialverhalten.

Die Abklärung umfasst ein ausführliches Gespräch mit Ihnen, testpsychologische Untersuchungen sowie die Beobachtung des Verhaltens Ihres Kindes. Auf dieser Grundlage planen wir gemeinsam mit Ihnen die weiteren therapeutischen Schritte.

In der Therapie gehen wir gezielt auf die individuellen Schwierigkeiten Ihres Kindes ein. Dies kann durch kognitives Training – etwa am Computer oder mit Aufgaben auf Papier – sowie durch das Erarbeiten von Strategien zur Bewältigung im Alltag erfolgen. Bei Herausforderungen im Sozialverhalten unterstützen wir Ihr Kind dabei, neue Verhaltensweisen zu entwickeln.

Gemeinsam mit Ihnen und den Lehrpersonen begleiten wir zudem die schulische Wiedereingliederung – sowohl während des Spitalaufenthaltes als auch darüber hinaus.

 

Patientenschule

In der Patientenschule unterrichten unsere Spitalpädagoginnen Kinder und Jugendliche im Alter von 4 bis 16 Jahren. Das Angebot umfasst sowohl schulischen als auch gestalterischen Unterricht.

Sobald es der Gesundheitszustand Ihres Kindes erlaubt, nehmen wir Kontakt mit Ihnen und Ihrem Kind auf. Zu Beginn kann es sinnvoll sein, Ihr Kind individuell zu unterrichten. Im weiteren Verlauf streben wir eine Teilnahme am Gruppenunterricht im Schulzimmer an.

Mit Ihrem Einverständnis stehen wir im Austausch mit den Lehrpersonen der Heimatschule Ihres Kindes. Der Unterricht wird schrittweise aufgebaut und individuell an den Gesundheitszustand Ihres Kindes angepasst und in den Wochenplan integriert.

Weitere Unterstützung

Kinder- und Jugendpsychiatrie

Das Team der Kinder- und Jugendpsychiatrie begleitet Ihr Kind und Ihre Familie in dieser belastenden Situation. Unfälle oder plötzliche Erkrankungen können grosse Angst und Unsicherheit auslösen und sowohl bei Kindern als auch bei Angehörigen zu psychischen Belastungen führen.

Eine Psychologin oder ein Psychologe unseres Teams wird mit Ihnen Kontakt aufnehmen, Gespräche führen und Sie über mögliche Reaktionen Ihres Kindes informieren. Wir unterstützen Sie und Ihre Familie während des gesamten Spitalaufenthaltes bei der Verarbeitung des Erlebten – und auf Wunsch auch darüber hinaus.

Sozialberatung der Kinderklinik

Unsere Sozialberatung unterstützt Sie bei organisatorischen, finanziellen und sozialen Fragen, die im Zusammenhang mit der Erkrankung Ihres Kindes entstehen können.

Dazu gehören unter anderem die Klärung von Versicherungsfragen, die Suche nach Entlastungsmöglichkeiten im Alltag sowie die Beratung zu rechtlichen Themen. Wir helfen Ihnen auch bei finanziellen Anliegen und vermitteln bei Bedarf Kontakte zu externen Fachstellen. Zusätzlich stehen wir Ihnen für psychosoziale Beratung und Begleitung zur Seite.

Seelsorge

Unsere Seelsorge steht Ihnen für Gespräche zu spirituellen oder persönlichen Themen zur Verfügung – unabhängig von Ihrer religiösen Zugehörigkeit.

Wenn Sie ein Gespräch wünschen, informieren Sie bitte das Pflegefachteam oder informieren Sie sich hier: Seelsorge Inselspital

Zum Schluss

Wir wissen, dass ein Spitalaufenthalt für die ganze Familie eine grosse Belastung sein kann. Achten Sie in dieser Zeit auch auf Ihr eigenes Wohlbefinden – und darauf, dass Geschwister ebenfalls Ihre Aufmerksamkeit und Unterstützung brauchen. Gönnen Sie sich bewusst kleine Pausen.

Ihr Kind wird bei uns rund um die Uhr betreut. Für eine bestmögliche Rehabilitation sind Vertrauen und ein offener Austausch besonders wichtig. Zögern Sie nicht, Fragen zu stellen und Ihre Erwartungen oder Anliegen mit uns zu teilen.

Wir wünschen Ihrem Kind von Herzen gute Besserung.